Vertiefung · Gitarren-Voicings

Weglassen auf der Gitarre

Ein Cmaj13 hat sieben Töne, die Gitarre sechs Saiten und die Greifhand vier Finger. Ab dem Septakkord musst du fast immer auswählen. Diese Seite erklärt, welche Töne einen Akkord ausmachen, welche du opfern kannst und warum.

Alle Beispiele stehen in C. Die farbigen Punkte zeigen die Funktion jedes Tons, ▶ spielt den Griff.

Punkt 1

Unverzichtbar: Terz und Septime

Leg die vier Septakkorde auf C nebeneinander und schau, welche Töne sich überhaupt unterscheiden.

Akkord1357
Cmaj7CEGB
C7CEGB♭
Cm7CE♭GB♭
Cm(maj7)CE♭GB

Grundton und Quinte sind in allen vier Zeilen gleich. Sie tragen keine Information darüber, welcher Septakkord gemeint ist. Der ganze Unterschied steckt in zwei Tönen:

Im Jazz heißen diese beiden Töne Guide Tones, „Leittöne“ des Akkords. Spielst du nur sie, erkennt das Ohr den Akkordtyp schon.

Der Tritonus in der Dominante

Bei C7 liegen E und B♭ genau drei Ganztöne auseinander, ein Tritonus. Das ist das spannungsreichste Intervall in der Dur-Tonleiter. Er will sich auflösen: E steigt zu F, B♭ fällt zu A, und schon klingt F-Dur. Lässt du Terz oder Septime weg, ist der Tritonus weg und die Dominante verliert ihren Zug. Ein C7 ohne Terz klingt neutral, ein C7 ohne Septime ist einfach C-Dur.

Shell Voicings: nur 1, 3 und 7

Das Minimum auf der Gitarre ist ein Dreitonsgriff aus Grundton, Terz und Septime. Diese „Shells“ sind der Grundwortschatz der Jazzgitarre. Es gibt sie mit Grundton auf der E-Saite und auf der A-Saite, beide frei verschiebbar.

Warum das so gut funktioniert: Stimmführung

In einer II–V–I-Verbindung bewegen sich die Guide Tones nur minimal. Das ist der Grund, warum Jazzgitarristen über Akkordwechsel so flüssig klingen:

StimmeDm7G7Cmaj7
H-SaiteF (3)F (♭7)E (3)
G-SaiteC (♭7)B (3)B (7)

Die Septime eines Akkords wird zur Terz des nächsten, und umgekehrt. Auf G- und H-Saite bewegt sich jede Stimme höchstens einen Halbton, während der Grundton im Bass springt.

Ausnahmen

  • sus-Akkorde haben keine Terz. Ihre 2 oder 4 übernimmt die Rolle der Terz und ist genauso unverzichtbar.
  • Dreiklänge, 6- und add-Akkorde haben keine Septime. Bei C6 ist die Sexte der Charakterton, bei Cadd9 die None.
  • Veränderte Quinten (♭5, ♯5) in °, +, m7♭5 oder 7♯5 gehören zum Akkordtyp und bleiben drin. Mehr dazu unter Quinte.
Punkt 2

Die Option, die den Namen gibt

Steht im Symbol eine 9, ♯11 oder 13, dann ist genau dieser Ton die Farbe, die der Komponist hören will. Ohne ihn spielst du einen anderen Akkord. Das Rezept ist deshalb fast immer: Shell plus Option.

Bei 13-Akkorden fallen die Töne dazwischen weg. C13 braucht 3, ♭7 und 13. Die 9 ist willkommen, wenn ein Finger frei ist, die 11 lässt du bei Dur fast immer weg (siehe Die 11). Die Zahl im Namen verlangt also nicht, dass alle darunterliegenden Stockwerke klingen.

Faustregel: Gegriffen wird 3 + 7 + die höchste Zahl aus dem Namen. Alles weitere ist Bonus.
Punkt 3

Zuerst weg: die reine Quinte

Wie die Tabelle oben zeigt, ist die reine Quinte in allen Dur-, Moll- und Dominantakkorden dieselbe. Sie unterscheidet nichts.

Dazu kommt die Physik: Jeder gespielte Ton enthält Obertöne. Der stärkste nach der Oktave ist die Quinte darüber. Ein tiefes C lässt also schon ein leises G mitklingen. Das Ohr ergänzt die Quinte, auch wenn du sie nicht greifst.

Hör dir die ersten beiden Griffe an: Der Unterschied ist kaum zu hören. Beim dritten und vierten dagegen ist die Quinte verändert, und das ändert den ganzen Akkord. Eine ♭5 oder ♯5 bleibt deshalb immer drin.

Punkt 4

Dann: der Grundton

Das klingt erst einmal falsch, denn der Grundton gibt dem Akkord ja den Namen. In der Band spielt ihn aber der Bass, meist auf der Eins. Wenn die Gitarre ihn verdoppelt, kostet das eine Saite und einen Finger, ohne Neues hinzuzufügen. Ohne Grundton bleiben vier Saiten für Terz, Septime und zwei Optionen. Solche Rootless Voicings sind im Jazz Standard, vor allem auf den oberen vier Saiten.

Der Haken: Ohne Bass kippt der Akkord

Schau dir die Töne genau an. Der rootless C9 besteht aus E, G, B♭ und D. Das ist exakt ein Em7♭5. Der rootless Cm9 aus E♭, G, B♭ und D ist ein E♭maj7. Allein gespielt hört man den falschen Akkord. Erst der Bass darunter macht daraus C9 bzw. Cm9.

Allein oder im Duo: Grundton spielen. Mit Bassist: Grundton weglassen und die Saite für Farbe nutzen.

Daraus folgt ein praktischer Trick: Jeden m7♭5-Griff, den du kennst, kannst du als 9er-Akkord eine große Terz tiefer verwenden. Em7♭5 über C = C9.

Punkt 5

Die 11 bei Dur-Akkorden

Die 11 ist ein F. Die große Terz von C ist ein E. Zwischen beiden liegt ein Halbton, und weil die 11 über der Terz liegt, ist das Intervall eigentlich eine kleine None (E unten, F eine Oktave plus Halbton höher). Die kleine None ist die schärfste Reibung, die es zwischen zwei Akkordtönen gibt. Außerdem zieht die 4 so stark zur 3, dass das Ohr sie als unaufgelösten Vorhalt hört, nicht als Farbe. Darum heißt die 11 über Dur-Akkorden Avoid Note.

Es gibt zwei saubere Auswege:

Bei Moll-Akkorden gibt es das Problem nicht. Über E♭ liegt das F einen Ganzton höher, darum ist Cm11 ein schöner, offener Klang.

Die allgemeine Regel dahinter

  • Eine Option, die einen Halbton über einem Akkordton liegt, reibt hart. Sie ist eine Avoid Note.
  • Beispiele: 11 über Dur-Terz, ♭13 über reiner Quinte in maj7, ♭9 über dem Grundton in maj7 oder m7.
  • Die große Ausnahme ist die Dominante: Sie darf ♭9 über dem Grundton haben, weil die Spannung ohnehin aufgelöst wird.
Zusammenfassung

Die Reihenfolge zum Merken

Immer behalten

  1. Terz (oder der sus-Ton, der sie ersetzt)
  2. Septime (oder die Sexte bei 6-Akkorden)
  3. Die Option aus dem Namen (9, ♯11, 13, ♭9 …)
  4. Veränderte Quinte (♭5, ♯5)

Weglassen, in dieser Reihenfolge

  1. Reine Quinte. Klingt ohnehin als Oberton mit.
  2. Grundton, wenn ein Bass da ist.
  3. 11 bei Dur-Akkorden und die 9 bei 13ern, wenn kein Finger frei ist.